Kunoichi

Weibliche Ninja

Im Jahre 1561 wurde der japanische Kriegsherr Mochizuki Moritoki in der berühmten Schlacht von Kawanakajima getötet. Seine Frau Chiyome begab sich daraufhin unter den Schutz des Onkels ihres verstorbenen Gatten, des mächtigen Takeda Shingen. Anstatt sich in einen religiösen Orden zurückzuziehen und das ruhige Leben einer Nonne zu führen wie es in solchen Situationen üblich war, unterstützte die dynamische Mochizuki-Witwe weiterhin mit aller Kraft die Machtbestrebungen des großen Daimyō Takeda. Auf seine Frage hin erklärte sie sich einverstanden, ein Netz von kunoichi-Agenten aufzubauen. Es sollte zu einem der wirkungsvollsten und diskretesten der ganzen sengoku jidai werden.

Gemäß Shingen Takedas Idee trainierte Mochizuki Chiyome eine Gruppe von ausgebildeten miko (weiblichen Tempeldienerinnen), die neben ihren eigentlichen Aufgaben für Spionage-, Beobachtungs- oder Kuriertätigkeiten in der Kai-Gegend (heute Yamanashi) des Takeda-Herrschaftsgebietes sowie auf dem Shinano-Territorium (heute Niigata) eingesetzt werden konnten. Besonders die zuletzt genannte Gegend war von größtem strategischen Interesse, da sowohl Takeda Shingen als auch sein Rivale Uesugi Kenshin sie als wichtigstes Ziel für ihre zukünftigen Eroberungen betrachteten.

Spione und Informanten

Während seiner Herrschaft legte Takeda viel Gewicht auf die Dienste seiner Ninja-Spione. Er rekrutierte sie sowohl aus seinem eigenen Herrschaftsbereich als auch aus den reihen seiner Gegner. Die kunoichi waren bloß ein weiteres Glied seiner Kette von Informanten. Sie leisteten ihm gute Dienste bei der Nachrichtensammlung oder der Überprüfung der Berichte anderer Agenten. Die jungen Tempeldienerinnen konnten ohne Schwierigkeit umherreisen und mit den lokalen Spionen Kontakt aufnehmen, ohne Verdacht zu erregen. Auf diese Weise ließen sich Macht und Wissen der Takeda-Familie noch weiter vergrößern.

Chiyome gründete ihre Untergrundschule in Nazu, einem Dorf in Chiisa Gun (Shinshu-Gegend, heute Nagano), und begann ihre Arbeit als Leiterin einer Schule für weibliche Ninja. Da die miko stets unverheiratete, junge Mädchen sein mussten, begann Mochizuki Chiyome sich in den Reihen der zahllosen, infolge der Bürgerkriege verwaisten und obdachlosen Kinder nach passenden Kandidatinnen umzusehen. Die kunoichi-Trainerin wurde zur Heimmutter für jedes allein gelassene oder weggelaufene Mädchen, das seinen Weg in die Shinshu-Gegend fand. In den Augen der anderen Einwohner Nazus war Chiyome eine freundliche, warmherzige Frau, die sich mit aller Kraft abmühte, junge, allein stehende Mädchen vor Armut zu bewahren und ihnen ein Zuhause zu geben und geistige Werte zu vermitteln.

Training der weiblichen Ninja

Den Mädchen brachte man die Gepflogenheiten, die Pflichten und das Wissen der miko-Jungfrauen bei, die den Priestern der Shintō-Schreine dienten. Neben dieser Grundausbildung wurden die Schützlinge Chiyomes jedoch auch einem Indoktrinationsprozess unterzogen, der eine spätere absolute Loyalität garantieren sollte. Indem sie die Mädchen immer wieder daran erinnerte, dass sie es war, die sie von ihrer Armut befreit hatte und ihnen dieses neue Leben ermöglichte, band sie die zukünftigen kunoichi gefühlsmäßig an sich. Immer wieder forderte sie ihre Schützlinge auf, sich doch an ihre Kindheit zu erinnern. Wer war Schuld an ihrer damaligen Armut? Wer hatte sie verraten? Wer fand sie in dieser unglücklichen Zeit und schenkte ihnen ein neues Leben, als alles verloren schien? Nach und nach wurden die Mädchen zu der Überzeugung gebracht, dass ihre einzige Überlebenschance darin bestand, starke Bande zu ihren Schwestern zu unterhalten und Mochizuki Chiyome eine rückhaltlose Loyalität entgegenzubringen.

In einer dritten Ausbildungsphase lehrte die Ausbilderin ihre Schülerinnen, wie man an wertvolle Informationen gelangt, Situationen richtig einschätzt, mit Hilfe (falscher) Gerüchte Durcheinander und Streit stiftet, verlässliche Boten ausmacht, die wichtige Nachrichten an andere miko-kunoichi weiterleiten, sich verkleidet und wie man, wenn nötig, die weiblichen Reize einsetzten kann, um Männer zu manipulieren. Sobald Training und Indoktrination an der Ninja-Akademie in Nazu abgeschlossen waren wurden die Mädchen zu aktive Agenten von Mochizukis kunoichi-Truppe.

Auf diese Weise wurden wichtige Informationen aus den beiden Zielprovinzen zusammengetragen. Daneben ließ Chiyome noch Reisende, die die betreffenden Gebiete durchquert hatten, genauestes ausfragen und war so in der Lage, Takeda Shingen ein exaktes Bild von der politischen und militärischen Situation zu verschaffen. Um die Wirksamkeit und die Anonymität des kunoichi-Ringes zu wahren, war Mochizukis Chiyome Rolle niemandem außer dem General selbst bekannt; dieses Geheimnis teilte er sogar mit seinen engsten Mitarbeitern nicht.

Ähnlichkeiten und Unterschiede zum Ninja

Die mittelalterlichen kunoichi wurden ähnlich wie ihre männlichen Kampfgefährten ausgebildet, allerdings legte man mehr Gewicht auf die verfeinerten Aspekte des Nahkampfes. Gefechtstaktik und Guerillakampf der männlichen Ninja ersetzten die weiblichen durch Fähigkeiten wie etwa praktische Psychologie, Manipulationstechniken und Intuitionstraining. Die Vorbereitung auf den aktiven Dienst beinhaltete natürlich auch eine solide Grundausbildung in den Ninjutsu-Kampfmethoden des taijutsu, bōjutsu und hanbōjutsu, tantōjutsu, yarijutsu und kenjutsu. Die einzelnen Kampftechniken waren der spezifischen Situation der körperlich schmächtigeren Frau angepasst und beinhalteten u. a. Fluchtmethoden und das Abwehren stärkerer männlicher Gegner; stoßtruppähnliche Angriffe auf Wachposten oder militärische Stellungen blieben hingegen den männlichen Ninja vorbehalten.


Text: Stefan Imhoff